Geschichte über die Fichte von Dorothea

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Von Dorothea Brennecke

Jakob und die Fichten

Der Sommer war vorüber und der kleine Jakob saß am Fenster und schaute in den Garten. Großvater kam in die Küche und legte Holz neben den Ofen, weil es abends schon ein wenig frisch wurde und es so gemütlich war, wenn man dann ins Feuer gucken konnte. Großmutter war eine begnadete Bäckerin und das Haus duftete nach frischem Apfelkuchen.
„Wer geht mit mir spazieren?“ fragte Großvater. Jakob ließ sich das nicht zweimal sagen – er und sein Großvater waren ein unschlagbares Team. „Komm wir gehen in den Wald“ rief Jakob und nahm vorsichtshalber einen Korb in die Hand, falls sich am Wegesrand Früchte, Pilze oder andere schöne Dinge fanden.

Sie liefen los und atmeten tief die frische Herbstluft ein, die Schafe auf der Weide guckten sie neugierig an, über ihren Köpfen flogen die ersten Vogelschwärme in Richtung Süden.
„Großvater“ fragte Jakob, „können wir mal gucken, ob wir im Wald Rotkäppchen oder Hänsel und Gretel treffen?“ Jakob hatte immer viele gute Ideen und der Großvater war einverstanden. „Da müssen wir in den Fichtenwald“ antwortete Großvater, „dort könnte sich einer von ihnen aufhalten“. „Im Märchen wohnen auch die Räuber immer im Fichtenwald, wo es ein wenig dunkel ist…“. „Bist du dir sicher, dass wir dorthin gehen wollen?“ schmunzelte er. „Ja“, ich fürchte mich nicht im Wald“ meinte Jakob, „nur nachts im Dunkeln.“
Zum Glück hatten die Waldarbeiter inzwischen lauter Buchen zwischen die Fichten gepflanzt, weil ein reiner Fichtenwald bei Sturm einfach umfallen konnte, ihre Wurzeln sind nicht so tief. „Großvater erzähl bitte mehr über die Fichten“ bat Jakob „warum stellen wir sie denn Weihnachten als Tannenbaum in die Stube, wenn sie doch so dunkel sind und vielleicht noch ein Rotkäppchen oder ein Räuber in den Ästen sitzt?“ wollte er wissen. Großvater wusste eine Menge über Bäume und erzählte:
„Fichten sind im Norden zu Hause und gedeihen gut im Schatten. Sie blühen erst frühestens mit 20 Jahren, wobei männliche und weibliche Blüten an einem Baum sind. Der Wind übernimmt die Bestäubung. Übrigens gibt es verschiedene Arten von Fichten, aber hier in Europa wohnt die europäische Fichte, die man auch Rotfichte nennt. Etwa 25% des deutschen Waldes besteht aus gemeiner Fichte. Die Nadeln stechen, die Tannennadeln sind nicht spitz. Deswegen sind eigentlich Tannen eher als Weihnachtsbaum geeignet, zumal die Nadeln auch länger am Baum bleiben. Eine Tanne ist oben in ihrer Krone abgerundeter und nicht so spitz wie die Fichte. Die Fichtenzapfen wachsen zuerst aufrecht, später nach der Befruchtung hängen sie nach unten. Tannenzapfen wachsen nur nach oben.
In den Fichten wohnen oft Fichtenborkenkäfer und Fichtenrüsselkäfer oder Schmetterlinge, deren Raupen an dem Baum herumknabbern. Eulen oder Spechte bauen ihre Brutplätze in den Fichten.
Übrigens wachsen Fichten sehr schnell und man kann das Holz nutzen für Möbel, beim Hausbau als Brett und Balken oder als Schiffsmast. Vor allem in Bayern wird die Fichte auch als Maibaum benutzt. Wenn eine Fichte ganz besonders gute Bedingungen zum Wachsen hat und ihr Holz gut geraten ist, kann man auch Musikinstrumente daraus herstellen, beispielsweise eine Stradivari-Geige.
Die nordischen Fichten werden gerne für den Bau von Saunen benutzt, sie duften auch besonders gut. Was so gut duftet, ist das ätherische Öl aus den Fichten. Terpentinöl wird aus dem ätherischen Öl und dem Harz von Fichten, aber auch von Kiefern und Tannen gewonnen. Es reizt die Haut und fördert die Durchblutung, man muss ein wenig vorsichtig sein mit der Dosierung, es kann heilen aber auch zu Entzündungen führen. Gemischt mit einer Salbe kann es bei schmerzhaften Gelenken und Muskeln helfen. Wenn man Asthma hat oder erkältet ist, kann man es auch inhalieren. In die Badewanne gegeben, entspannt es.
Fichtennadeln haben Vitamin C in sich und man kann daraus Tee machen. Man sammelt dafür im Frühjahr die Spitzen. So einen Tee kann man mit Honig mischen – er hilft der Lunge. Wenn du die Spitzen sammelst, nimm von jedem Baum nur wenige und nur unten am Baum, damit er gut weiterwachsen kann.
Mit den Nadeln kann man auch Tinkturen herstellen, die rheumatische Erkrankungen lindern. Wusstest du, dass Fichten alle sieben Jahre ihre Nadeln erneuern? Das merkt man aber nicht, weil sie ja nicht alle Nadeln gleichzeitig abwerfen.“

„Nagut, Großvater, ich versuche mir das alles zu merken, aber hast du auch gesehen, wo wir mittlerweile gelandet sind?“ unterbrach ihn Jakob.
Sie standen auf einer Lichtung umgeben von Fichten. Unweit gingen ohne Eile ein paar Rehe, hohes Gras lud ein, sich hinzusetzen und ein wenig Apfelkuchen zu verspeisen. „Großvater, während du mir das alles erzählt hast, habe ich mir genau den Wald angesehen. Rotkäppchen wohnt auf alle Fälle noch hier in der Gegend und manchmal sieht man inzwischen wieder einen Wolf herumstreunen. Hänsel und Gretel sind wohl auch noch da, nur die Hexe hat sich unsichtbar gemacht. Räuber sieht man auch nur selten bei den Fichten. Der Wald ist zwar dunkel, aber auch das ganze Jahr grün und im Winter gibt es manchmal eine Art Sahnehäubchen aus Schnee…Ich denke, das wird alles sehr gemütlich und am Abend gehen wir nach Hause, setzen uns vor das Feuer und erzählen Märchen. Einverstanden?“
„Einverstanden“.

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