Geschwefeltes Leinöl

| Keine Kommentare

Am 21. Juni 2017 trifft sich unserer Arbeitskreis in der Sonnen-Apotheke in Uetersen, um einen Bestandteil des Ätherischen Öls I der Fa. Soluna zu verstehen und selbst herzustellen: das Oleum Lini sulfuratum (Schwefelbalsam, Geschwefeltes Leinöl). Wir werden vom Apotheker und Inhaber Alexander Lipski sehr herzlich empfangen und bestaunen seine Apotheke mit den zahllosen chemischen und naturheilkundlichen Ingredienzien in Gläsern, Dosen, Tüten, Tütchen und die überzeugende Vielfalt an Gerätschaften zur Analyse und Herstellung von Arzneimitteln. Man bemerkt gleich, hier gehen nicht nur Schmerzmittel, Corticoide oder Antibiotika über den Ladentisch, sondern Phytotherapeutika, Biochemische Arzneimittel, Homöopathika und jede Menge von in der Apotheke hergestellten “Hausmitteln” wie Pepsinwein, Pferdesalbe, Hustenpastillen, “Cholera-Tropfen” und viele individuelle Rezepturen von Verordnern.

Gerade weil die Sonnen-Apotheke nicht dem Mainstream und der Erwartung an eine moderne Apotheke entspricht und auch die Dekoration im Schaufenster und im Laden ein bisschen “aus der Zeit gefallen” scheint, lebt hier noch eine echte paracelsische “Apotheker-Seele”. Alexander Lipski hat seinen Beruf zum Hobby gemacht und umgekehrt und man merkt, hier ist jemand mit Elan und Passion tätig. Seine Begeisterung steckt uns an!

Wir gehen ans Werk, wiegen 600 gr. goldgelbes Leinöl in eine emaillierte Schale und erhitzen diese unter ständigem “flotten Rühren” (so die Originalanweisung im Deutschen Apothekerbuch von 1926) auf einer Gasflamme auf eine konstante Temperatur von 120-130 Grad.

Als die Temperatur erreicht ist, rühren wir 100 gr. sublimierten Schwefel ein, der uns als zitronengelbes, feines, mehlartiges Pulver zur Verfügung steht. Das Pulver löst sich rasch auf und wir beobachten, wie sich das Gemisch unter ständigem Rühren und unter Beibehaltung der Temperatur immer wieder farblich verändert. Bleibt zunächst im Zentrum der Schale eine dunkle, ins Bräunlich gehende “Masse”, umgeben von dem goldgelben Öl, ändert sich das Farbspektrum nach ca. 5-10 Minuten in eine leicht bräunliche Gesamtflüssigkeit. Die Temperatur schwankt zwischen 120-130 Grad, so ist es vorgeschrieben. Wir wechseln uns beim Rühren ab.

Es ist erstaunlich, wie sich das Wechselspiel der Farben immer wieder in beschriebener Weise ändert: ca. alle 5-10 Minuten, völlig unabhängig von der Person und Richtung des Rührens, links- , rechtsherum oder lemnistkatisch. So wird das Leinöl über Stunden gerührt, der Prozess wiederholt sich und von Farbwechsel zu Farbwechsel wird die Braunfärbung intensiver. Zwischendurch entsteht immer ein dunkles Zentrum in der Schale, umgeben von einem goldgelben Kranz, der ebenfalls von Mal zu Mal dunkler wird. Der Geruch im Labor erinnert an frisches Heu mit einer Prise Schwefel, atemberaubend!

Der Prozess ist laut Apothekerbuch dann abgeschlossen, wenn ein Tropfen der Flüssigkeit auf einem weißen Porzellanteller glänzend schwarzbraun erscheint und keinen kristallinen Schwefel mehr ausscheidet. Wir ahnen nicht, wie lange das dauert!

Nach insgesamt ca. 5 Stunden kontinuierlichen Rührens ist das Digestivum lege artis hergestellt. Die letzten verbleibenden Mitglieder des Arbeitskreises und Apotheker Lipski können gegen 21.30 Uhr das Werk abschließen und bestaunen.

Auf unserer Klausurtagung Anfang Juli werden wir noch einmal ausgiebig Gelegenheit haben, auf “unser Werk” zurückzublicken und uns über die gemachten Erfahrungen austauschen. Herr Lipski stellt jedem Laboraten ein Fläschchen des Öls zur Verfügung.

Ein nochmaliges, sehr herzliches Danke-schön an Alexander Lipski!

Schön, das es noch solche Apotheker gibt!

IMG_6169 IMG_6166 IMG_6170 IMG_6167

Hinterlasse eine Antwort

Pflichtfelder sind mit * markiert.