Eine Geschichte über Freiheit und Wandlungsprozesse

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Die Geschichte vom Baum, der frei sein wollte.

Einst stand ein junges Bäumchen am Ufer eines kleinen Baches. Von weit oben entstammte das Bächlein einer Quelle und ergoss sich über die Felsen hinab in grüne Täler. Am steinigen Hang ließ es Leben entstehen und nährte auch das junge Bäumchen mit seinem klaren Wasser. Wie alle Pflanzen um ihn herum wuchs der junge Baum rasch und wurde immer kräftiger und stärker. Bald trug er eine prächtige Krone. Zur selben Zeit hatte sich das Bächlein ein breites, tiefes Flussbett geschaffen. Tag um Tag strömten unzählige Wassertropfen an dem Baum vorbei, deren Weg in die grüne Weite er nachblickte. Mit jedem Tag, der verging, wurde der Blick des Baumes sehnsüchtiger.

„Ach Wasser, du hast es gut.  Du strömst wohin du willst.“ seufzte der Baum. „Wie sehr wünschte ich diesen Ort verlassen zu können und mit dir in die Welt zu ziehen. Bin ich doch meiner Wurzeln überdrüssig, die sich in das Dunkel wühlen. Auch meine Arme reichen nie so weit in den Himmel wie die Wolken, aus denen deine Tropfen strömen.“

Als der Fluss dies hörte, lachte er: „Ach großer, stattlicher Baum, du willst mit mir ziehen? Glaubst wohl nicht, dass du des ewigen Kreislaufes müde würdest? Dass du einmal gern anhalten und an einem ruhigen Ort das Dasein genießen wollest? Auch deine Wurzeln solltest du nicht leugnen. Schätze dich lieber glücklich, einen festen Platz im Leben zu haben!“ Der Baum verstummte nachdenklich.

„Aber nach einiger Zeit klagte der Baum weiter: „Oh, was du alles sehen kannst liebes Wasser, auf deiner Reise durch die Welt. Da gibt es wohl Dinge, die ich nie erblicken werde, denn ich kann nur in eine Richtung schauen. Und wie viel du erfahren und verstehen kannst, während ich mein eintöniges Dasein friste.“

Nun bekam der Fluss doch Mitleid mit dem Baum, der seine Äste ganz traurig ins Wasser hängen ließ. Er beschloss ihm zu helfen: „Höre Baum, ich ertrage deine Wehmut nicht. Ich werde dich mit auf eine Reise nehmen. Doch bedenke, dass dies nicht dem Leben eines Baumes entspricht.“

Der Baum überhörte die Warnung und bat inständig, mitreisen zu dürfen. Also nahm der Fluss all seine Tropfen zusammen, schickte sie in die Wolken und es regnete tagelang bis der Fluss über die Ufer trat. Mit seinen großen Wassermassen entwurzelte er den Baum und riss ihn mit sich fort. In gewaltigen Fluten schwemmte er ihn hinab in die Täler.

Der Baum jubelte: „Endlich bin ich frei wie ein Fisch!“

Alles, was der entwurzelte Baum rings um sich entdeckte, betrachtete er mit Staunen und Freude. Dieses neue Leben gefiel ihm sehr. Nach einiger Zeit der Kurzweil und Neuentdeckungen wollte er eine Pause am Ufer machen. Doch da musste er erkennen, dass er gar nicht allein anhalten konnte. Er war nur Treibholz und konnte seinen Weg nicht selber steuern. Es war der Weg eines Anderen, den er beschritten hatte. So begann er an seinem Sinn zu zweifeln.

„Ach Wasser“, klagte der Baum. „Wohl hätte ich auf dich hören sollen, als du mich vor unserer Abreise warntest. Nun weiß ich, dass ich meinen Platz in dieser Welt verkannt habe. Anscheinend gehört ein Baum einfach ans Land und ist nicht zum frei sein und reisen geboren.“ Betrübt ließ der Baum seine Äste hängen. Der Fluss hatte Mitleid mit ihm und setzte ihn deshalb an einem Ufer ab: „Vielleicht kannst du hier einen neuen Platz für dich finden.“ Aber der Baum blieb traurig liegen, denn er konnte seine Wurzeln nie wieder in die Erde graben, sich aufrichten und seine stattlichen Äste in den Wind recken.

Der Baum war dem Sterben nahe. Er flüsterte: „Ach Wasser, ich wollte doch nur meinen eigenen Weg finden.“ Der Fluss wusste keinen Ausweg. Deshalb fragte er alle um Rat, die er auf seiner Reise durch die Welt traf. Schließlich fanden sich Menschen, welche die Sehnsucht des Baumes verstanden, da es ihnen selbst so erging. Auch sie wollten durch die Welt reisen und frei sein. So zogen sie los und suchten den Baum auf, um ihm zu helfen. Aus seinem starken Holz erbauten sie ein schönes, stattliches Schiff, mit dem sie die ganze Welt bereisen konnten und mit seinen Wurzeln schürten sie ihr Feuer. Der Baum war überglücklich über seine Verwandlung in ein Schiff. Nun schwamm er nicht nur dahin, sondern hatte einen neuen Sinn: Er trug andere auf ihrer Reise und war ihr Begleiter. Dabei war er selbst sowohl dem Wind als auch dem Wasser nah. Und das wärmende Feuer nährte er mit seinen Wurzeln, die ihre Nahrung lange aus der Erde bekommen hatten.

© Alma Maja Ernst (für Eric)

abgewandelt März 09 Silvia Klein

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